Mehr Tat als Rat - Entwicklungszusammenarbeit als WIN-WIN Situation.
Eine unternehmerische Initiative in Tansania.
Der Vortrag von Herrn Mag Ferdinand Kovacic, MBA, am 17. März 2026 im Rahmen des SOWI-AV gab einen praxisnahen Einblick in eine langfristig angelegte Initiative in Nordtansania an der Schnittstelle von privatem, marktwirtschaftlichem Engagement und Entwicklungsökonomie. Im Zentrum steht ein Pilotprojekt: eine Maismühle, die Maismehl mit essenziellen Vitaminen und Mineralstoffen anreichert. Ziel ist es, Ernährungssicherheit und gesunder Ernährung zu verbessern sowie Arbeitsplätze zu schaffen – besonders für junge Menschen und für Frauen. Ergänzend werden Aus- und Weiterbildungsformate für Mitarbeitende, PraktikantInnen und externe Zielgruppen, insbesondere Schulen, eingeführt.
Der Vortragende muss gleich zu Beginn die auch im Projekt erforderliche Anpassungsfähigkeit unter Beweis stellen: Ein technischer Ausfall macht die Präsentation seines aufwendig vorbereiteten Bildmaterials unmöglich, sodass er den Vortrag – quasi impromptu – auf eine rein verbale Form umstellt.
Der Standort des Unternehmens Grain Xplore liegt am Fuße des Kilimandscharo in einer vergleichsweise entwickelten Region, die zugleich zentrale Strukturmerkmale Subsahara-Afrikas vereint: dynamisches Bevölkerungswachstum, hohe Jugendarbeitslosigkeit, fragmentierte Urbanisierung, infrastrukturelle Defizite, hohe Einkommensungleichheit und begrenzte staatliche Steuerungsfähigkeit. Das Pilotprojekt ist rein privat organisiert und erhält keine offizielle Förderung.
Der Vortrag folgt bewusst einer „zooming out before zooming in“-Logik, um die Relevanz sozialer, ökonomischer, ökologischer und technologischer Rahmenbedingungen hervorzuheben. Exemplarisch zeigt sich dies an den wiederkehrenden Monsunzyklen und klimatischen Verschiebungen, daraus resultierendem Schädlingsbefall sowie unzureichender Infrastruktur und fragmentierten Lieferketten, die zu ausgeprägter Saisonalität und erhöhter Volatilität bei Verfügbarkeit und Preisen von Rohmais führen. Diese Unsicherheiten erhöhen die Nahrungsmittelpreise und erschweren die Planung entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Zugleich betont Ferdinand Kovacic, Afrika als Kontinent extremer Größe, Vielfalt und heterogener Dynamiken zu begreifen. Zwischen statistischer Abbildung, dominanten Narrativen und gelebter Realität bestehe eine erhebliche Diskrepanz: Informelle Wirtschaftsstrukturen verzerren Datenlage, während makroökonomische Kennzahlen die Lebenswirklichkeit breiter Bevölkerungsschichten nur unzureichend erfassen – eine Realität, in der Fortschritt und Mangel eng nebeneinander bestehen.
In Tansania, wo sich die Bevölkerung bis 2050 wohl auf 130 Millionen verdoppelt, das Durchschnittsalter unter 20 liegt, und das BIP etwa dem Großraum Wien entspricht, ist Mais ein zentrales Grundnahrungsmittel. Er liefert zwar regional bis zu 50 % der Kalorienzufuhr, trägt jedoch aufgrund fehlender Mikronährstoffen wesentlich zu Mangelernährung (Stunting) bei. Das Projekt adressiert dieses Spannungsfeld durch die gezielte Anreicherung von Maismehl mit Vitaminen und Mineralstoffen.
Eine zentrale Erfahrung besteht in der Konfrontation mit der operativen Realität, trotz sorgfältiger lokaler Vorrecherche: Die ursprüngliche Strategie, gestützt auf formale staatliche Vorgaben zur Lebensmittelanreicherung, zielte darauf ab, Schulen als zentrale Abnehmer zu beliefern, da ihr Auftrag auch die Ernährung von Kindern umfasst. In der Praxis behindern jedoch institutionelle Trägheit, unzureichende Kommunikation und mangelnde Umsetzung im öffentlichen Sektor diesen Ansatz massiv. Dezentral organisierte Schulspeisungssysteme mit komplexen und langwierigen Entscheidungsprozessen erschweren den Marktzugang zusätzlich. Eine verstärkte Ausrichtung auf private Absatzmärkte erweist sich daher als notwendig.
Operativ verfolgt das Projekt einen konsequent kontextsensitiven Ansatz, der Lösungen an lokale Rahmenbedingungen anpasst und gleichzeitig auf starke lokale Verankerung setzt. Produktions- und Lagerinfrastruktur werden etwa durch umgebaute Schiffscontainer realisiert, Maschinen werden teilweise lokal gefertigt, und die Wertschöpfung weitgehend in der Region. Dieses Modell – lokale Produktion, lokale Verarbeitung, lokaler Konsum – stehe im Kontrast zu vielen klassischen Entwicklungsansätzen, die auf importierte Lösungen setzen und häufig wenig nachhaltige lokalen Strukturen hinterlassen. Entsprechend kritisch fällt die Einschätzung von Mag. Kovacic aus: Ein erheblicher Teil der Entwicklungsgelder erreicht die Zielgruppen nicht, während zahlreiche Projekte als weitgehend ungenutzte „Entwicklungsruinen“ bestehen bleiben.
Zugleich wird deutlich, dass Kapazität aus dem Zusammenspiel von Fähigkeiten, Ressourcen und Kontext entsteht. Ausbildung – häufig als Allheilmittel propagiert – bleibe wirkungslos, wenn es an Werkzeugen, Kapital und Infrastruktur fehle. Dies gilt besonders vor dem Hintergrund einer jungen, zunehmend unzufriedenen und protestierenden Bevölkerung, in der die Generation Z über 30 % stellt. Kulturelle Faktoren seien dabei keine Randbedingungen, sondern zentraler Bestandteil des Systems. Unterschiedliche Arbeitsweisen, Zeitverständnis und soziale Prioritäten prägten die operative Realität und machten Zeit und Aufmerksamkeit zu den entscheidenden Ressourcen – und Kostenfaktoren – des Managements.
Ergänzt wird der unternehmerische Ansatz durch gezielte Integration lokaler Akteure, etwa von Frauenkooperativen, sowie durch Bildungsinitiativen. Neben interner Aus- und Weiterbildung– auch für PraktikantInnen – befindet sich mit Formaten wie „A Day at the Mill“ aktuell ein Bildungsangebot in der Einführungsphase, welches SchülerInnen Einsichten in ein produzierendes Unternehmen, grundlegende ökonomische Zusammenhänge und Ernährung vermittelt. Dies fördert langfristig auch die Akzeptanz und Nachfrage nach angereichertem Maismehl. Die Finanzierung solcher Aktivitäten könne nur philanthropisch erfolgen, da das Kerngeschäft aufgrund geringer Margen schon eine Herausforderung darstellt.
Abschließend weitet der Vortrag den Blick auf globale Zusammenhänge: Europa mit seiner alternden Bevölkerung, akkumulierten Wissen und Ressourcen sowie Afrika mit seiner jungen, dynamischen Demografie erscheinen als potenziell komplementäre Systeme. Die Herausforderung besteht darin, diese Potenziale jenseits klassischer Entwicklungshilfe in nachhaltige, lokal verankerte Kooperationsmodelle zu überführen – im beiderseitigen Interesse einer sicheren, nachhaltigen und gerechten Zukunft.
Mag. Ferdinand Kovacic, MBA, ist Gründer von Kovalentics (www.kovalentics.at). Als selbstständiger Unternehmer entwickelt er marktorientierte Projekte für Emerging Markets und verfolgt dabei einen ganzheitlichen Ansatz, der Unternehmens- und Organisationsentwicklung integriert. Zudem ist er Mitgründer und Co-Direktor von Grain Xplore. Einen visuellen Eindruck des Pilotprojektes bieten Bild- und Videomaterial unter: www.kovalentics.at/emerging/.
Text und Fotos: Mag. Paulus Mayr